Donnerstag, 1.10. - "Lebensstürme über Saiten und Tasten“ (in Kooperation mit den Homburger Meisterkonzerten)

  • Datum: 01.10.2026
  • Uhrzeit: 19:30
  • Ort: Kulturzentrum Saalbau Homburg

Donnerstag, 1.10. - "Lebensstürme über Saiten und Tasten“ (in Kooperation mit den Homburger Meisterkonzerten)

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Sonate F-Dur KV 497 für Klavier zu vier Händen


Johannes Brahms (1833-1897)

16 Walzer, op. 39 für Klavier zu vier Händen

Geisterduo


Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Streichquartett d-moll KV 421

Vogler Quartett


Franz Schubert (1797-1828)

Allegro a-Moll für Klavier zu vier Händen, D 947 („Lebensstürme“)

Geisterduo

Beschreibung

Das vierhändige Spiel an einem Klavier hätten Anna Maria („Nannerl“) und Wolfgang erfunden, behauptete der geschäftstüchtige Vater Leopold Mozart, wenn er seine beiden Kinder in aller Welt vorspielen ließ. Das stimmte zwar nicht ganz; aber tatsächlich wurden die Werke zu vier Händen auf einem einzigen Klavier mit Wolfgang Amadeus Mozart erstmals zu großer, angesehenen Kunst, in der sich später auch Beethoven oder Mendelssohn bewegten. Wegen der viel zu engen Tasten auf den Klavieren zu Mozarts Zeiten war das Vierhändig-Spiel recht mühsam. Aber als Kinder kamen Wolfgang und seine Schwester „Nannerl“ gut damit zurecht und weckten auch noch als junge Erwachsene damit helle Begeisterung, wie das bekannte, um 1780 entstandene Gemälde von Johann Nepomuk de la Croce verrät, wenn dort auch noch unter den strengen Augen von Vater Leopold. Diese Begeisterung für das Vierhändig-Spiel übertrug Mozart in seiner Wiener Zeit auch auf seinen
großen Kreis von Schülerinnen und Schülern. Für sie vor allem entstanden 1786/87 die späten und reifen Sonaten für Klavier zu 4 Händen in G-Dur KV 537, die heute zu hörende in F-Dur KV 497 und jene in C-Dur KV 521 sowie das „Andante con variazioni“ G-Dur KV 501. Der Kopfsatz unserer F-Dur-Sonate wird durch ein ausgedehntes und gedankenschweres „Adagio“ eingeleitet. Wie ein munterer Springtanz schließt sich der Sonatenhauptsatz im fröhlichen „Allegro di molto“ an und führt mit flinkem Fingerspiel unserer heutigen „Geister-Duo-Pianisten“ David Salmon & Manuel Viellard sein thematisches Material durch. Der langsame Satz „Andante“ ist nach klassischer Tradition gesanglich angelegt und leitet in den heiteren Schluss-Satz „Allegro“ über.

Mit der Leitung der Wiener Singakademie 1863 wird der Hamburger Johannes Brahms endgültig zum Mitbürger in der Donau-Metrople. Und wie Schubert, Schumann oder gar die Strauss-Familie so zollte auch er der Stadt „An der schönen blauen Donau“ seinen Tribut mit Walzern, auch wenn er gegenüber der mit ihm eng befreundeten Clara Schumann stets bedauerte, niemals die Leichtigkeit und den mitreißenden Schwung des von ihm hoch verehrten Johann Strauß d. J. erreicht zu haben.
Immerhin, mit drei bedeutsamen Walzer-Zyklen erklärte sich Johannes Brahms zum begeisterten Wahl-Wiener, mit den heute zu hörenden „16 Walzern für Klavier zu 4 Händen“ op. 39 (1865); mit den „Liebeslieder-Walzern“ op. 52a (1874) und mit den „15 Neuen Liebeslieder-Walzern“ op. 65a (1877).
Gegenüber dem mit ihm befreundeten Konzertkritiker Eduard von Hanslick bezeichnete Brahms seinen ersten Walzer-Zyklus op. 39 von 1865 als „kleine, unschuldige Walzer in Schubertscher Form“ und ergänzte wohl augenzwinkernd dazu: „Ich dachte an Wien, an die schönen Mädchen, mit denen du vierhändig spielst.“ Seine „kleinen, unschuldigen Walzer“ mögen tanzselige Miniaturen sein, doch Brahms überrascht in ihnen immer wieder mit besonderen Ausdrucksnuancen, mit Tempo- und Tonartenwechsel oder mit dem Spiel zwischen tonalen Terzverwandtschaften. Ein eigener Höhepunkt ist der populär gewordene Walzer Nr. 15 in A-Dur mit seinem schmelzenden Zwiegesang, der die ganze Empfindungswelt des jungen Komponisten preisgibt. Er leitet über zum letzten Walzer in d-Moll, in dem sich Brahms einmal mehr als Meister des unauffälligen Kontrapunkts erweist.

Als Mozarts Frau Constanze (geb. Weber) 1829 in Salzburg von dem englischen Verleger Vincent Novello und dessen Frau Mary besucht wurde, bestätigte sie einen früheren Bericht, wonach das d-Moll-: Quartett während der Geburt ihres ersten Kindes Raimund Leopold im Juni 1783 entstanden sei. Die Aufregung, die ihr Mann damals um sie und das Kind erlitten habe, ja sogar ihre Geburtsschreie seien auf vielen Seiten des d-Moll-Quartetts zu entdecken. Und das Tagebuch von Novello präzisiert: „Gewisse Stellen, namentlich das Menuett – wovon sie uns etwas vorsang – deuteten ihre Schmerzen an.“ Nach dem allzu frühen Tod von Wolfgang Amadeus Mozart heiratete – auch ihrer Kinder wegen – Constanze den dänischen Diplomaten Georg Nikolaus Nissen. Dessen Mozart-Biographie von 1828 ist auch heute noch eine Fundgrube für die Mozart-Forschung. Auch Nissen bestätigt darin die Erinnerungen seiner Frau Constanze an die Entstehung des d-Moll-Quartetts während ihrer ersten Niederkunft: „Diese Umstände waren gewiss nicht zum Notendenken geeignet, da er nie am Klavier komponierte, sondern die Noten zuvor schrieb und vollendete, und sie oppodann erst probierte; und dennoch belästigte ihn nichts, wenn er in dem Zimmer arbeitete, wo
seine Frau lag. So oft sie Leiden äußerte, lief er auf sie zu, um sie zu trösten und aufzuheitern; und wenn sie etwas beruhigt war, ging er wieder zu seinem Papier. Nach ihrer eigenen Erzählung wurden das Menuett und das Trio gerade bei ihrer Entbindung komponiert.“
Erleben wir während der Darbietung des d-Moll-Quartetts durch das Vogler Quartett also die Geburt des ersten Sohnes Raimund Leopold von Constanze und Wolfgang Amadeus noch einmal mit, wenn dieser auch nur wenige Monate überlebte und noch 1783 verstarb. Fühlen wir mit den
schmerzhaften Wehen der jungen Mutter in der ausdruckstarken Motivik des Kopfsatzes „Allegro moderato“; begleiten wir die Gesten der Beruhigung und Tröstung ihres Gatten im langsamen Satz „Andante“; die von Constanze erwähnten Schmerzensschreie bei der Geburt ihres ersten Kindes im hektischen „Menuett“ mit seinem trügerischen Trio; sowie die Erlösung im Siciliano-Rhythmus des Finalsatzes „Allegretto ma non troppo“, trotz der einen oder anderen Erinnerung an die Unruhe im Kopfsatz.

Zum größeren Freundeskreis von Franz Schubert gehörte auch der Komponist Franz Lachner. Die beiden Musiker spielten am 9. Mai 1828 dem Dramatiker Eduard von Bauernfeld zwei Werke für Klavier zu 4 Händen vor, die Schubert gerade vollendet hatte, seine berühmte Fantasie f-Moll (D 940) und das heute vom „Geister Duo“ Manuel Viellard & David Salomon zu hörende „Allegro“ a-Moll (D 947). Die f-Moll-Fantasie trägt eine Widmung an Schuberts ehemalige Klavierschülerin Karoline von Esterhazy im ungarischen Szelesz. Aber der ebenfalls mit Schubert befreundete Eduard von Bauernfeld wusste von dem Komponisten, dass der bis zuletzt in seine überaus schöne Klavierschülerin unsterblich, wegen des unüberbrückbaren Standesunterschieds letztlich unglücklich verliebt war; dass er ihr zeitlebens alles zugeignet hatte, was er komponierte, so auch das gerade gehörte vierhändige „Allegro a-Moll“.
Im zarten, gefühlvollen Binnenteil spürte auch Eduard von Bauernfeld das Werben um die junge Adelige, spürte die vergebliche Zuneigung zu ihr. Man hört, wie sie im Diskant-Part zuweilen an ihrer Fingerfertigkeit und am feinen Anschlag feilte wie in jenen Sommermonaten von 1818 und 1824, als ihr Klavierlehrer Franz Schubert zu ihr ins Schloss Szelesz kam. In den beiden Rahmenteilen hingegen stürmen in punktierter Rhythmik die a-Moll-Akkorde in die Szene, wahrlich wie „Lebensstürme“. So empfand es zutreffend der geschäftstüchtige Wiener Verleger Diabelli, der das „a-Moll-Allegro“ aus Schuberts Nachlass 1842 erstmals veröffentlichte und nach einem zündenden Untertitel suchte.

Paul O. Krick