Mittwoch 30.09. - "Große Vielfalt mit kleinen Mitteln"

  • Datum: 30.09.2026
  • Uhrzeit: 19:30
  • Ort: Kulturzentrum Saalbau Homburg

Mittwoch 30.09. - "Große Vielfalt mit kleinen Mitteln"

Programm

Jean Marie Leclaire (1697-1764)

Sonate für 2 Violinen e-moll Op. 3 Nr. 5

Miklós Rózsa (1907-1995)

Sonate für zwei Violinen op. 15a

Béla Bartók (1881-1945)

20 Stücke aus „44 Duos für zwei Violinen“

Duo Gagliano

Antonín Dvorák (1841-1904)

Trio für zwei Violinen und Viola, op. 75a

Gagliano Duo | Frank Reinecke

 

Fritz Kreisler (1875-1962)
3 Alt-Wiener Tanzweisen

Astor Piazzolla (1921-1992)

Le Grand Tango

Duo Klangtreff (Akkordeon und Cello)

Beschreibung

Kleine Besetzungen präsentiert das Mittwochskonzert, verbunden mit einer umso größeren Stilvielfalt. Den Anfang macht Jean-Marie Leclair, der Begründer der französischen Violinschule; er wurde fast ausschließlich für Kompositionen bekannt, die er für sein eigenes Instrument schrieb. Zu den originellsten zählen seine sechs Sonaten op. 3 für zwei Violinen ohne jede weitere Begleitung. Die harmonische Grundierung liefern dabei nicht der zeittypische Generalbass; sie ist vielmehr in die gleichberechtigten Duostimmen eingearbeitet. Leclairs Spezialität war die Kombination italienischer und französischer Elemente. So klingen denn die schnellen Rahmensätze seiner e-Moll-Sonate ein wenig wie ein Vivaldi-Doppelkonzert ohne Orchester. Der langsame Mittelsatz ist dagegen eine elegante französische Gavotte in Rondeauform – nicht umsonst war Leclair in seiner Jugend Profitänzer.

Miklós Rózsas Musik kennt fast jeder, und doch ist sein Name nur wenigen Konzertbesuchern ein Begriff. Schließlich hatte der gebürtige Ungar vor allem mit Filmmusiken Erfolg – und die nimmt man meist gar nicht als selbständige Kunstwerke wahr. Drei Oscars gewann Rózsa in seiner langen Karriere, einen davon für seine Musik zu dem Monumentalfilm „Ben Hur“ (1959). Anders als die Filmwerke weisen seine „seriösen“
Kompositionen oft Bezüge zu ungarischer Volksmusik auf. Zu ihrer Erforschung hatte Rózsa in jungen Jahren, ähnlich wie vor ihn Bartók und Kodály, Feldstudien betrieben. Die Urfassung seiner Sonate für zwei Violinen schrieb er 1933 in Paris; 40 Jahre später revidierte er sie. Rhythmisch, temperamentvoll und zugleich kunstvoll polyphon präsentiert sich der erste Satz. Der langsame zweite enthält ebenso wie der virtuose dritte Bordunklänge, wie sie für Volksinstrumente wie Drehleier oder Dudelsack typisch sind.

Béla Bartók erhielt die Anregung zu seinen 44 Duos für zwei Violinen durch den Freiburger Musikpädagogen Erich Doflein. Dieser wollte in sein Schulwerk Kompositionen aufnehmen, die auch Gehör und ästhetisches Bewusstsein der jungen Geiger bilden sollten. Die spieltechnischen Anforderungen der verschiedene Lernstadien legten Doflein und Bartók 1930 gemeinsam fest, und der Komponist sandte im Lauf des folgenden Jahres immer infachere Stücke an den Pädagogen. Sie stehen in der vierbändigen Ausgabe am Beginn, während die zuerst entstandenen schwierigeren Stücke den Schluss bilden. Die progressive Anordnung bezieht sich allerdings nur auf den technischen Schwierigkeitsgrad; kompositorisch genügen alle Sätze gleich hohen Ansprüchen. Fast alle Duos basieren auf originalem Volksmusik-Material vor allem aus Ungarn,  aber auch aus Rumänien, der Slowakei, Serbien, der Ukraine und Nordafrika. Die Melodien seiner Vorbilder ließ Bartók weitgehend unverändert – seine schöpferische Leistung liegt in den fantasievollen begleitenden oder kontrapunktischen Stimmen.

„Ich schreibe jetzt kleine Bagatellen, denken Sie nur: für 2 Viol[inen] und Viola. Die Arbeit freut mich ebenso, als wenn ich eine große Sinfonie schriebe, aber was sagen Sie dazu? Sie sind freilich mehr für Dilettanten gedacht, aber hat Beethoven und Schumann auch nicht einmal mit ganz kleinen Mitteln geschrieben, und wie?“ So kündigte Antonín Dvořák seinem Verleger 1887 die vier „Drobnosti“ (Kleinigkeiten oder Miniaturen) an. Er genoss zu diesem Zeitpunkt längst höchste internationale Anerkennung und nahm sich dennoch Zeit für eine Reihe von Stücken, die schon wegen ihrer außergewöhnlichen Besetzung kaum weitere Verbreitung finden konnten. Die Kombination zweier Violinen mit Viola – ohne Cello oder ein anderes Bassinstrument – ergab sich aus der Bekanntschaft mit einem Geiger des Prager Nationaltheaters und seinem Schüler, der im selben Haus wie Dvořáks Familie lebte. Der Komponist selbst übernahm bei gemeinsamen Hausmusikabenden den Bratschenpart. Eine ruhige, im Mittelteil leidenschaftlichere Melodie der ersten Violine verbindet sich in der eröffnenden „Cavatina“ mit einem gleichförmigen Begleitrhythmus. Das folgende „Capriccio“ erinnert ein wenig an Volksmusik. Eine wogende Triolenbegleitung prägt die „Romanze“, und in der abschließenden „Elegie“ bricht Dvořák den wehmütigen Gesang der ersten Geige in Seufzerfiguren auf.

Was macht eigentlich das Wienerische in der Musik aus? Es mag mit rhythmischen Feinheiten zu tun haben, etwa der leichten Dehnung der zweiten Zählzeit im Walzertakt, oder auch mit jenem warmen, einschmeichelnden Klang, für den der Name Fritz Kreisler zum Inbegriff wurde. Von Bruckner, Delibes und Massenet ausgebildet, komponierte der große Violinvirtuose auch selbst. Unter anderem hinterließ er zahlreiche spritzige und charmante Sätzchen, die ihm bei seinen Auftritten als Zugaben dienten. Viele von ihnen finden sich in einer Sammlung, die Kreisler aus einem besonderen Grund „Klassische Manuskripte“ nannte: Jahrelang behauptete er, durch Zufall unbekannte Handschriften des 18. und 19. Jahrhunderts erworben und diese nur bearbeitet zu haben. Erst 1935 gab er sich selbst als Autor zu erkennen – einige Musikforscher, die auf den Schwindel hereingefallen waren, reagierten tödlich beleidigt. Zu den berühmtesten Zugabestücken Kreislers zählen die angeblichen „Alt-Wiener Tanzweisen“ „Liebesfreud“, „Liebesleid“ und „Schön Rosmarin“.

Zwischen komplexer Kunstmusik und populärer Unterhaltung fühlte sich der Argentinier Astor Piazzolla in seiner Jugend hin- und hergerissen: Tagsüber studierte er bei dem angesehenen Komponisten Alberto Ginastera, abends spielte er Tangos in den Bordellen und Nachtclubs von Buenos Aires. Ein Stipendium ermöglichte ihm 1953/54 einen Studienaufenthalt in Paris und damit – vermeintlich – eine Hinwendung zum „seriösen“ Komponieren. Doch Nadia Boulanger, die Freundin Strawinskys und Lehrerin vieler wichtiger Komponisten des 20. Jahrhunderts, empfahl ihm, am Tango festzuhalten. So gelang Piazzolla mit seinem „Tango Nuevo“ eine Synthese aus „hoher“ und „niederer“ Musik: Er verband Elemente des Tangos mit Einflüssen aus Klassik und Jazz, baute kühne Harmonien und neue Klangfarben in seine Musik ein. „Le Grand Tango“, 1990 vom russischen Meistercellisten Mstislaw Rostropowitsch uraufgeführt, hat alle Qualitäten eines typischen Tango Nuevo. Das Stück besteht aus drei Teilen: Der erste verbindet ein starkes rhythmisches Element mit herben Dissonanzen und liedhaften Melodien, der zweite zeigt sich als
melancholischer Dialog, und der dritte führt zurück zur rhythmischen Intensität des ersten.

Ostmann