Montag, 28.9. - "Blicke in Vergangenheit und Zukunft"
Programm
Robert Schumann (1810-1856)
Streichquartett op.41/2 F-Dur
Vogler Quartett
Manuel de Falla (1876-1946)
Siete canciones populares españolas
Duo Klangtreff (Akkordeon und Cello)
Astor Piazzolla (1921-1992)
Five Tango Sensations
Michael Schwarzenbacher | Vogler Quartett
Beschreibung
„Er ist wie ein gewohnter Hausfreund, der immer gern empfangen wird; tieferes Interesse hat er für die Jetztzeit nicht mehr.“ So äußerte sich Robert Schumann 1841 über Joseph Haydn, den Pionier der Streichquartettkomposition. Doch bereits im folgenden Jahr, bei der Vorbereitung seiner eigenen Quartettserie op. 41, revidierte er diese Einschätzung offenbar: Von April bis Juni spielte er gemeinsam mit seiner Frau Clara die Quartette Haydns, Mozarts und Beethovens „der Reihe nach am Klavier“. Den Eintragungen im Haushaltsbuch zufolgeverwendete er acht Tage auf Beethoven, aber jeweils annähernd einen Monat auf Haydn und Mozart. Dann komponierte er innerhalb der kurzen Zeit vom 4. Juni bis zum 22. Juli 1842 die drei Quartette. Unter ihnen knüpft das zweite in F-Dur am klarsten an die Klassiker an. Den ersten Satz dominiert ein gefälliges, rasch aufsteigendes Hauptthema. Ein echtes Seitenthema fehlt – wie oft bei Haydn, der seine Kopfsätze gerne monothematisch gestaltete. Das folgende Andante zeigt zwar eindeutig den Charakter einer Variationenfolge, entfernt sich aber stellenweise so weit von seinem Thema, dass das Wörtchen „quasi“ im Satztitel völlig gerechtfertigt erscheint. Rhythmisch-metrische Unregelmäßigkeiten bestimmen das Scherzo mit Trio – ein Spiel, das sich zu Beginn des Finales fortsetzt. Danach lassen Zitate aus Beethovens Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (die Passage „Nimm sie hin denn, diese Lieder“) sowie aus seiner „Coriolan“-Ouvertüre vermuten, Schumann habe zumindest diesen Schlusssatz, vielleicht ja sogar das gesamte Stück, als Hommage an die Klassiker verstanden.
Bezog sich Schumann auf die jüngere Vergangenheit, so wandte sich der Spanier Manuel de Falla den Volksmusiktraditionen seines Landes zu. Er schrieb seine „Siete canciones populares españolas“ 1914, gegen Ende eines siebenjährigen Aufenthalts in Paris, der ihm paradoxerweise den musikalischen Reichtum seiner Heimat erst bewusst gemacht hatte. Den ursprünglich für Mezzosopran oder Bariton und Klavier bestimmten Liedern legte er teils echte folkloristische Motive, teils auch erfundene Melodien „im Volkston“ zugrunde. Im Druck erschienen sie erst 1922, und schon wenig später kamen die unterschiedlichsten Instrumental-Arrangements der Stücke auf den Markt. Vor allem Streichinstrumente eiferten dabei den Ausdrucksnuancen der menschlichen Stimme nach, und ein beliebtes Begleitinstrument war die Gitarre, deren Klänge und Spieltechniken de Falla ohnehin vielfach in seinem Klaviersatz nachgeahmt hatte. Das tat er gerade auch in zwei vom Duo Klangtreff ausgewählten Nummern: In „El paño moruno“ lassen Arpeggien an die „rasgueado“-Technik der Flamenco-Gitarre denken. Die arabisch anmutenden Melodiewendungen dieses Liedes erklären sich schon aus dem Titel: Er bedeutet „Das maurische Tuch“. Wie „El paño moruno“ hat auch der „Polo“ andalusische Ursprünge. Hier erinnern rasche Tonwiederholungen und heftige Schläge an das Flamenco-Genre des Zapateado. Von ganz anderem, ruhigerem Charakter ist de Fallas „Asturiana“: Sie beruht auf einem traurigen Lied aus der nordspanischen Region Asturien.
In die Vergangenheit wie auch in die Zukunft blickte der Argentinier Astor Piazzolla: Als Bandoneonspieler erlernte er den traditionellen Tango seiner Heimat von der Pike auf. Doch Auslandsaufenthalte und Kompositionsunterricht bei Lehrern wie Alberto Ginastera und Nadia Boulanger erweiterten seinen Horizont. So konnte er zum Schöpfer des komplexeren „Tango Nuevo“ werden, der dem argentinischen Nationaltanz das Überleben sicherte – sein klassisches Zeitalter war schließlich spätestens in den 1940er Jahren zu Ende gegangen. Piazzolla brachte den Tango einem neuen Publikum nahe: Studenten, jungen Berufstätigen, Avantgarde-Künstlern, Jazz- und Bossa-Nova-Fans. Seine Musik bewahrte viel von der ursprünglichen Tango-Atmosphäre des Verbotenen, Gewalttätigen, der sinnlichen Begierde und der Melancholie, drückte zugleich aber das Lebensgefühl des modernen Buenos Aires aus. Die „Five Tango Sensations“ gehen zurück auf ein siebensätziges Orchesterwerk aus dem Jahr 1983. Fünf Sätze daraus arrangierte Piazzolla 1987 für sich selbst und das US- amerikanische Kronos Quartett, mit dem er sie 1990 auch auf CD einspielte. Es war seine letzte Aufnahme, bevor er einen schweren Schlaganfall erlitt, der weiteres Konzertieren und Komponieren unmöglich machte. Die Stücke schildern fünf menschliche Empfindungen und Seinszustände: Schlaf, Liebe, Sorge, Erwachen und Furcht.
Ostmann
