Samstag, 3.10. - „Kakerlaken und andere Unannehmlichkeiten“

  • Datum: 03.10.2026
  • Uhrzeit: 11:00
  • Ort: Kulturzentrum Saalbau Homburg

Samstag, 3.10. - „Kakerlaken und andere Unannehmlichkeiten“

Programm

Darius Milhaud (1892-1974)

„Scaramouche“ op.165 B, Paris 1937 (Arrangement Jaan Bossier)

Nikolaus Friedrich |  Tim Vogler | Geisterduo


Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975)

11. Streichquartett f-moll op.122

Vogler Quartett

 

Sergej Rachmaninow (1873-1945)

Aus “6 Stücke op.11” für Klavier zu vier Händen

Barcarolle, Scherzo, Russian Theme,

Geisterduo

 

Aleksey Igudesman (*1973)

„La cucaracha“. Volkslied aus Mexiko

Duo Gagliano (2 Violinen)

 

Pablo de Sarasate (1844-1908)

Navarra — Danza Espagnole Op. 33

für 2 Violinen und Klavier

Duo Gagliano | Manuel Viellard

 

Sergej Prokofjew (1891-1953)

Ouvertüre über hebräische Themen op. 34

für Klarinette, Streichquartett und Klavier

Nikolaus Friedrich | Vogler Quartett | David Salmon

Beschreibung

Darius Milhaud war als Mitglied der legendären französischen Komponistengilde „Le Six“ seit 1912 eng mit dem Dichter Paul Claudel befreundet. Als Claudel 1916 zum französischen Botschafter in Brasilien berufen wurde, begleitete ihn Milhaud zwei Jahre lang als Attaché in
das lateinamerikanische Land, wo er sich für die Folklore und für den schwungvollen Rhythmus brasilianischer Musik begeisterte. Viele seiner Werke in späteren Jahren verraten noch etwas von dieser Begeisterung, nicht zuletzt der 1937 entstandene „Scaramouche“ mit seinen Umarbeitungen für verschiedene Besetzungen. In seiner 1949 edierten Autobiographie erinnerte sich Milhaud an die Entstehung seines nachmals wohl populärsten Werkes: „Zur selben Zeit schrieb ich ein Klavierstück, dessen Komposition mir ganz besondere Mühe machte. Es war eine Suite für zwei Klaviere, die von Ida Jankelevitch und Marcelle Meyer gespielt werden sollte. Ich wählte einige Passagen von zwei Kompositionen für die
Bühne und nannte die Verquickung ‚Scaramouche‘. Deiss wollte sie sofort veröffentlichen. Ich riet ihm lebhaft ab: ‚Niemand wird das spielen‘, sagte ich. Aber mein Verleger hatte seinen eigenen Kopf und gab nichts heraus, was er nicht schätzte. ‚Scaramouche‘ gefiel ihm, und er bestand darauf. Der Erfolg hat ihm schließlich recht gegeben, denn das Stück erlebte mehrere Auflagen. Es machte Deiss Spaß, mich andauernd zu informieren: ‚500 Exemplare von Amerika angefordert! 1000 Exemplare von …“ Die Suite, die wir heute von Nikolaus Friedrich, Tim Vogler und vom Geister-Duo in einer Bearbeitung für Violine, Klarinette und Klavier hören, besteht aus den Sätzen „Viv“ (Lebhaft), „Modéré“ (Gemäßigt) und „Braziliera“ nach Art einer brasilianischen Samba. Ohne Zweifel ist die finale Samba-Version das Herzstück der Suite. Der „Scaramouche“ kommt als „Scaramuzzo“ ursprünglich aus der italienischen Commedia dell’arte, wo er als kleiner Aufschneider sein Unwesen treibt. In der „Braziliera“ von Darius Milhaud macht er sich mit übertriebenem Hüftschwung als Sambatänzer wichtig und scheint dem berühmten „Girl from Ipanema“ des Brasilianers Carlos Antonio Jobim die Show zu stehlen. Wie auch immer, wir dürfen uns „mit Hüftschwung“ auf eine mitreißende Musik des französischen Komponisten freuen!

Das 11. Streichquartett im verhangenen f-Moll von Schostakowitsch ist eines der intimsten Werke des russischen Komponisten. Seine sieben Sätze sind eher musikalische Miniaturen, die trotz eines „Scherzos“ und einer „Humoreske“ immer wieder in die Trauer um den vor 60 Jahren verstorbenen 2. Geiger im Moskauer Beethoven-Quartett Wassil Schirinski zurückfällt. Der war wie auch das ganze Ensemble mit dem Komponisten eng befreundet und an den meisten seiner 15 Quartett-Uraufführungen beteiligt.
Aus Respekt vor dem verstorbenen Freund nimmt sich Schostakowitsch selbst in den sieben Sätzen sehr zurück, die zusammen kaum mehr als 18 Minuten dauern. Liedhafte Themenentwürfe in Solo-Monologen der vier Streicher und ein lichtvoll-transparentes Klangbild ohne die von ihm gewohnten Klangballungen unterstreichen den Trauercharakter dieses einzigartigen Kammermusikwerkes.

Als junger, aufstrebender Pianist und Komponist führte Rachmaninow als Studierender am Moskauer Konservatorium dennoch ein dandyhaft-aufwendiges Leben. Wegen ständiger Geldsorgen unterrichtete er an mehreren Lehranstalten gleichzeitig und betreute auch privat einen größeren Kreis von Schülerinnen und Schülern als Klavierlehrer. Doch seine ehemalige Schülerin Maria Tschelistschewa erinnerte sich an diese Zeit: „Die pädagogische Arbeit störte ihn stark in seinem künstlerischen Schaffen, weshalb seine ablehnende Einstellung gegenüber dem Unterricht ganz verständlich war. Er verhehlte das überhaupt nicht; schon seine Körperhaltung und Gestik machten das deutlich.“
Seine Biographen sind sich darin einig, dass er dem Spiel seiner Schutzbefohlenen eher hilflos gegenüberstand, da er „der Fülle dessen, was zu verbessern gewesen sei, nur sein eigenes, makelloses Spiel entgegenzusetzen wusste“. Dennoch verdanken wir dieser ungeliebten Unterrichtstätigkeit drei bedeutsame Klavierwerke zu 4 Händen, neben den „Sechs Stücken“ op. 11 von 1894 noch eine „Romanze“ G-Dur aus dem gleichen Jahr und eine „Italienische Polka“ aus dem Jahre 1906. Eher ungewöhnliche Besetzungen wie ein „Walzer“ und eine „Romanze“ für Klavier zu 6 (!) Händen haben seine Tätigkeit als Klavierpädagoge ebenso dokumentiert wie eine Fülle von Werken für 2 Klaviere.
David Salmon & Manuel Viellard spielen als „Geister-Duo“ aus jenen „Sechs Stücken“ op. 11 für Klavier zu 4 Händen des berühmten Pianisten und Komponisten Sergej Rachmaninow die drei ersten Sätze. In der ruhig dahinschaukelnden „Barkarole“, im humorvoll-ausgelassenen
„Scherzo“, vor allem im Moll-gefärbten „Russischen Lied“ ist noch die Nähe des jungen Komponisten zum hochverehrten Romantiker Peter I. Tschaikowsky hörbar.

Das spanische Kinderlied von der „Küchenschabe“ hat in unzähligen Textvarianten die ganze Welt erobert und wurde in Mexiko gar zum Revolutionslied. Bekannte Größen der populären Musik wie Louis Armstrong, Bill Haley oder Charlie Parker haben ihre eigenen Versionen davon veröffentlicht, nicht zuletzt der bekannte russische Geiger Aleksey Igudesman in seinem Album „Latin and more“. So feiert mit der rhythmisch-tänzerischen Interpretation unseres „Duo Gagliano“ (Maya & Julia Kasprzak, Violinen) die unsterbliche Küchen-Schabe der Kinder trotz des Entsetzens ihrer Mütter auch in diesem Konzert weiterhin fröhliche Urstände, was man frei etwa so übersetzen könnte: „La cucaracha, la cucaracha, der Küchenschabe fehlt ein Bein! / Jetzt folgt sie andern Kakerlaken und humpelt ständig hinterdrein.“

Sarasate war in aller Welt einer der glänzendsten Geigen-Virtuosen des 19. Jahrhundert. Berühmte Zeitgenossen wie Max Bruch oder Camille Saint-Saens vertrautem ihm die Uraufführung ihrer Violinwerke an. In seinen eigenen Kompositionen schöpfte er gerne aus dem reichen Folklore-Schatz seiner spanischen Heimat wie in den berühmten „Zigeunerweisen“ oder hier beim spanischen Tanz „Navarra“, der 1889 entstand. Es ist
unglaublich, was nach einer kurzen, gravitätischen Einleitung der Spanier über den Variationen des „Sequidilla“-Themas im springlebendigen Dreiertakt den beiden Geigerinnen alles an virtuosen Läufen, Doppelgriffen und Zierwerk abverlangt. Das „Duo Gagliano“ wird dabei von dem Pianisten Manuel Viellard angefeuert.

Prokofjew war in seiner russischen Heimat bereits ein angesehener Komponist, als er 1918 vor den Revolutionswirren für fast zwei Jahrzehnte in den Westen floh. Im New Yorker Exil traf er ehemalige jüdische Mitstudierende vom Konservatorium in St. Petersburg, die als „Zimro“-Ensemble durch Asien und die USA tourten, mit dem ursprünglichen Ziel, ein Konservatorium in Palästina zu gründen. Sie baten Prokofjew um eine Komposition, dem es hörbar Spaß machte, in einer kurzen Ouvertüre melancholisch-hebräische Melodien mit dem Übermut der von einer Klarinette angeführten Klezmer-Musik osteuropäischer Juden zu verbinden. Der Erfolg des eigenwilligen Werks ermutigte den Komponisten, es 15 Jahre später in einer Neubearbeitung für Kammerorchester noch einmal vorzustellen.

Paul O. Krick