Sonntag, 27.9. -„Musikalische Genialität auf historischem Zickzack-Kurs“ - Eröffnungskonzert

  • Datum: 27.09.2026
  • Uhrzeit: 18:00
  • Ort: Kulturzentrum Saalbau Homburg

Sonntag, 27.9. -„Musikalische Genialität auf historischem Zickzack-Kurs“ - Eröffnungskonzert

Programm

Joseph Haydn (1732-1809)

Streichquartett op.74/1 C-Dur

Vogler Quartett

 

Igor Strawinsky (1882-1971)

„Suite Italienne“

Duo Klangtreff (Akkordeon und Cello)

 

Franz Schubert (1797-1828)

Streichquintett C-Dur, D 956, op. posth. 163

Vogler Quartett | Marlene Förstel

Beschreibung

Zwischen seinen beiden Englandreisen widmete Haydn dem Wiener Kunstmäzen und Geiger Graf Anton Apponyi die sechs sogenannten „Apponyi-Quartette“ op. 71 und op. 74. Dass sie nicht wie gewohnt als Sechser-Reihe erschienen, sondern zu je drei Quartetten unter verschiedenen Werkzahlen, hatte verlegerische Gründe. Wie auch immer, Graf Apponyi bedankte sich für das alleinige Recht an den Werken bei Haydn mit einem stattlichen Honorar von 100 Dukaten. Haydn plante schon seine zweite Englandreise und beabsichtigte, die „Apponyi-Quartette“ in den großen Konzertsälen Londons vor einem breiten und bunt gemischten Publikum aufzuführen. Um dessen erwartungsfrohe Unterhaltung zu dämpfen, beginnen alle sechs Quartette mit kräftigen Akkordschlägen, so auch unser C-Dur-Quartett. Sein Part für die 1. Violine ist recht virtuos gestaltet und ähnelt dem Solopart in einem Violinkonzert, weil Haydn die Spielkunst des Londoner Geigers und Konzertunternehmers Peter Salomon im Visier hatte, der dann auch im Februar 1794 bei der erfolgreichen Erstaufführung in der britischen  Hauptstadt am Pult des Primgeigers mitwirkte. Der Kopfsatz unseres C-Dur-Quartetts „Allegro moderato“ zeigt den reifen Altersstil von Haydn mit reicher Harmonik, mit viel Chromatik und mit kühnen Modulationen im Durchführungsteil. Das C-Dur-Quartett wurde mit den fünf anderen Apponyi-Quartetten gleichzeitig in Wien von Graf Apponyi und in London von Peter Salomon herausgegeben. Der langsame Satz „Andante“ erhielt den Zusatz „grazioso“ nur in der Wiener Ausgabe und sollte auf seine Liedhaftigkeit hindeuten. Trotz gelegentlicher „Sforzato“-Ausbrüche und unregelmäßige Phrasen im Trio, gibt sich auch der Tanzsatz „Menuett“ konventionell, bevor das „Finale“ mit „Vivace“-Brillanz aufwartet. Kunstvolle Polyphonie einerseits und dudelsackähnliche Tanzmelodik über Bassquinten schaffen eine Hörbrücke zwischen den Hörgewohnheiten der gehobenen Gesellschaft in den Konzertsälen der britischen Hauptstadt und jener Volksmusik im nahen Schottland, zu der das einfache Volk tanzt.

In den Jahren 1919/20 schuf Strawinsky die Ballettmusik „Pulcinella“, von der er später eine stattliche Reihe von Bearbeitungen vorlegte, wie auch die heute zu hörende „Suite Italienne“ für Violoncello und Klavier (1932). Das von der italienischen Commedia dell'arte inspirierte „Pulcinella-Ballett“ selbst entstand auf Anregung des befreundeten Impressario Serge Diaghilew, der in Paris das legendäre „Ballet russe“ leitete und unermüdlich auf der Suche nach neuen Themen war. In Londoner Archiven hatte er bis dahin unveröffentlichte Stücke italienischer Barockkomponisten gefunden, die damals noch fälschlicherweise Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) zugeschrieben wurden und die er sowohl Manuel de Falla als auch Igor Strawinsky zur Bearbeitung als Ballettmusik anbot. De Falla konnte sich für das Sujet nicht so recht erwärmen. Strawinsky jedoch erweckte die in Vergessenheit geratene Musik sogleich voller Begeisterung zu neuem Leben – passend zur humorvollen und lebenssprühenden Ballett Diaghilews. Bei der Pariser Uraufführung im Mai 1920 waren außer Igor Strawinsky noch drei andere berühmte Zeitgenossen tätig. Serge Diaghilew führte als Choreograph die Tanzregie im Ballet russe; Ernest Ansermet leitete das Orchesters und Pablo Picasso war alsBühnen- und Maskenbildner engagiert. Dieses markante Ereignis in der jüngeren Musikgeschichte markierte gleichermaßen den Übergang von Strawinskys „expressionistischer“ in seine „neoklassizistische“ Schaffensphase. In den farbenreichen Dissonanzen der beiden Instrumentalparts, in den phantasievollen Doppelgriffen auf dem Cello, aber auch in dem ihm eigenen Humor spürt man sowohl den Respekt, als auch Strawinskys liebevolle Hinwendung zum barocken Vorbild. Wir hören heute mit dem Duo Klangtreff eine besondere Bearbeitung der „Suite Italienne“ für Violoncello und Akkordeon.

Am 2. Oktober 1828 schrieb Schubert seinem Leipziger Verleger, er habe ein Quintett „verfertigt, das dieser Tage erst probiert“ werde. Sechs Wochen später war er bereits tot, und das „Probieren“ oder gar die erste öffentliche Aufführung des Quintetts mussten 22 Jahre warten, bis hätte er seinen allzu frühen Tod vorausgeahnt, entfaltete Schubert in seinen letzten Lebensmonaten eine rastlose Kompositionstätigkeit. Fast gleichzeitig mit dem Quintett entstand die große Es-Dur-Messe, letzte Klaviersonaten und jene letzten 13 Lieder nach Heinrich Heine, Ludwig Rellstab und Gabriel Seidl, die später als „Schwanengesang“ veröffentlicht wurden.
Über die Bestimmung des Quintetts wissen wir nichts, auch nichts darüber, wer oder was Schubert zu diesem Werk mit schier sinfonischen Ausmaßen angeregt hat. Streichquintette von Mozart oder Beethoven sind mit einer zweiten Bratsche besetzt. Schuberts Entscheidung für ein zweites Cello ist ungewöhnlich und nähert sich dem Klangbild eines Sinfonieorchesters, in dem die Kontrabässe das Bass-Fundament bedienen, die Celli hingegen oft bewegte oder gar duettierende Stimmen gegenüber den Violinen übernehmen. Tatsächlich kombinierte Schubert in den exponierten Themen des Kopfsatzes „Allegro ma non troppo“ das 1. Cello mit der 1. Violine. Zwischen dem zartesten Pianissimo und einem dreifachen Fortissimo überrascht der erste Satz mit weiteren Kontrasten im Ausdruck, die man eher in einer Sinfonie erwarten würde und doch vieles vom Innenleben des Komponisten verraten.
Der langsame Satz „Adagio“ beginnt zwar ruhig mit weiträumig gesanglichen Bögen, in die aber bald mit schwer atmenden Synkopen, mit wilden Sforzati und angstvoll hohen Trillern jähe Unruhe hereinbricht. Der Schubert-Biograph John Reed hat es in 1972 in „The Final Years“ so formuliert: „Es scheint, als habe Schubert in Vorahnung seines nahenden Endes das, was er zu sagen hatte, für die Nachwelt, nicht für den Zeitgeschmack festgehalten.“ Seither wünschte sich mancher Schubert-Verehrer sein „Adagio“ am eigenen Sterbebett wie der legendäre italienische Cellist Alfredo Piatti oder der polnisch-amerikanische Ausnahmepianist Arthur Rubinstein. Ohne Zweifel ist das „Adagio“ das Herzstück von Schuberts Streichquintett.
Es folgt ein „Scherzo“ im ingrimmig-humorvollen „Presto“. Sein Trio ist ein Einschub im langsamen „Andante sostenuto“ nach Art eines Trauerduktus, der ins Dunkel zu führen scheint und kaum kontrastreicher sein könnte. Zwielichtig ist auch der Finalsatz „Allegretto“. In sein vermeintlich volkstümliches und naives Tempo brechen immer wieder Moll-gefärbte Ahnungen herein wie nach letzten Tempobeschleunigungen jener Des-Dur-Vorhalt vor dem Schluss-C, hart gespielt und ohne die sonst übliche Dreiklang-Harmonie darüber.
Das höchst anspruchsvolle Streichquintett C-Dur von Schubert spielt für Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das Vogler Quartett mit Marlene Förstel am zusätzlichen Violoncello.

Paul O. Krick